Wie wird man eigentlich ein „Superfood“? Mein Problem mit schicken Lebensmitteln

Präambel: Es geht mir hier nicht um Gscheit-daherreden wie man sich zu ernähren hat um ein besserer oder gar gesünderer Mensch zu sein. Es geht überhaupt nur am Rande um „Gesunde Ernährung“. Es geht mir vor allem um einen Denkanstoß zum mutmaßlichen Wert von Lebensmitteln. Jeder möge damit anfangen, was er will.

Ein regelrechter Hype ist in den letzten 1-2 Jahre ausgebrochen rund um „Superfoods“ – allen voran Chia-Samen, die zwar nach nichts schmecken aber trotzdem immer beliebter werden. Allein der Begriff „Superfood“ ist für mich eher so ein Warnsignal: Da will mir irgendwer irgendwas andrehen, oder ist selbst so begeistert von einem neu entdeckten Trend, dass er die frohe Botschaft lieber – gut gemeint – mit Freude verbreitet als hinterfragt. Lustig, dass Superfoods immer ziemlich teuer sind, wobei wir nicht unbedingt von der Art „teuer“ reden, die durch nachweislich faire Produktionsbedingungen oder Bio-Zertifizierung gerechtfertigt sind. Ich finde vielerlei „Food“ super, wenn es ordentlich produziert wurde und mir Genuss bringt. Und wer Wert auf gesundes Essen legt, der kommt auch ohne Chia, Açaí und Goji-Beeren ganz gut klar. Der Hype hat mich skeptisch gemacht und darum hab ich ein bisschen nachgeforscht.

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Vorweg: Chia-Samen zählen sicher zu den gesunden und wohltuenden Lebensmitteln (wie alle gängigen Nüsse und Saaten auch), das will ich gar nicht bestreiten. Wer Chia-Samen liebt, dem wünsche ich viel Freude damit und der möge sie weiterhin genießen. Dieser Beitrag erhebt keinen Zeigefinger. Dennoch möchte ich einen Denkanstoß geben und begründen, warum ich Chia-Samen (als Paradebeispiel für eine Reihe von weitgereisten, teils mystisch beschriebenen „Superfoods„) nicht in dem Sinn super finde, wie es diverse Medien, Blogger und Stars glaubhaft machen wollen.

DAS PROBLEM, WENN LEBENSMITTEL zum STATUSSYMBOL WERDEN

Was mich am Chia-Hype am allermeisten stört ist die Positionierung  als Nonplusultra der gesunden, guten Ernährung. Gleichzeitig ist Chia nämlich durch den bewusst hoch angesetzten Preis ein absolutes Elite-Lebensmittel und das halte ich für sehr problematisch. Gutes Essen darf kein Elitethema sein. Chia-Samen sind ein Statussymbol, nicht umsonst ist es das wohl meistfotografierte Frühstück der letzten Jahre. Die Botschaft: wer sich gut ernähren will, muss dafür ordentlich Geld ablegen (mit „gut“ meine ich nicht vorrangig gesund sondern auch hochwertig, qualitätsbewusst). Das ist nämlich ganz einfach falsch. Gute, hochwertige Lebensmittel, die günstiger verkauft werden, bekommen nur keinen so starken Marketingsupport. Warum Chia so viel teurer ist, als z.B. die in punkto Nährstoffgehalt und Quellfähigkeit sehr ähnlichen altbekannten Leinsamen, konnte mir bisher keiner erklären. Chia-Samen kosten etwa das Fünffache, manchmal bekommt man dafür Bio-Qualität, aber nicht immer. Der Großteil der Chia-Samen kommt mittlerweile aus Australien.

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Unsere einheimischen Leinsamen sind Chia sehr ähnlich, das sagt uns nur keiner, weil sie viel günstiger sind

Leinsamen sind mein Chia

Leinsamen liebe ich seit ich ein Kleinkind bin. Was mein Opa, auf dessen Schoß ich damals saß, immer aus seiner Schüssel löffelte, fand ich schon damals köstlich, ohne mir im Entferntesten über gesundes Essen Gedanken zu machen. Die altmodischen Leinsamen sind heute nicht so spannend wie die Chia-Samen von den Azteken, auf die auch Hollywoodstars schwören. Trotzdem sind Leinsamen Chia sehr ähnlich, sowohl was das Aufquellen als auch die Nährstoffe betrifft*. Und das beste: es gibt sie aus österreichischem Bio-Anbau schon für rund 3€/kg. Auf Instagram tummeln sich 860.091 Beiträge mit dem Hashtag #chia. #flaxseed und #leinsamen zusammen bringen es lediglich auf ein Viertel davon, sie sind einfach nicht ganz so hip. Ein Hype wie Chia, der immer mehr Konsumenten neugierig macht und begeistert, wird durch noch mehr Marketingaufwand gepusht, denn hier schnuppern Hersteller hohe Gewinne.Bei den langweiligeren Leinsamen, die vielleicht auch noch bei uns gedeihen, wären Kunden eher nicht bereit, so hohe Summen zu bezahlen. Dabei ist es egal, ob günstigere  Alternativen vielleicht genauso gut oder noch besser wären. Besonders die junge Zielgruppe, die sich häufig über „hippes“ Essen definiert ist hier anfällig und zahlungswillig. (Lifestyle-)Medien auf der Jagd nach den neuesten Food Trends springen dann sehr schnell auf – oft ohne zu recherchieren, zu hinterfragen und pushen die Begeisterung weiter.

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Wenn man Chiasamen in Flüssigkeit einweicht, entsteht Pudding durch die löslichen Ballaststoffe, die auch dem Körper so gut tun

Ich hab da mal nachgerechnet

Wirklich absurd sind Vergleiche wie „x-Mal so viele Mineralstoffe wie Broccoli“. Das stimmt schon, wenn man 100 g Broccoli mit 100 g Chia-Samen vergleicht, ist also nicht per se falsch. Allerdings enthalten die meisten Chia-Gerichte, die ich sehe, zwischen 1 und 4 Esslöffel (8 – 32 g). Eine Portion Broccoli kommt je nach Gericht leicht auf 200-300 Gramm.  Man müsste also – wenn überhaupt – Portionsgrößen vergleichen. Nie und nimmer könnte man mit einer Mahlzeit 250 g Chia-Samen bewältigen (die immerhin 1.215 Kilokalorien liefern würden, im Vergleich zu 250 g Broccoli mit 55 Kilokalorien. Kalorienzählen hat bei mir normalerweise keinen Platz, in dem Fall veranschaulicht der Vergleich aber so gut, wie unrealistisch – wenn auch nicht per se falsch – das Marketingblabla rund um Chia ist.  Dasselbe gilt auch für „6 Mal mehr Eisen als Spinat“ und „6 Mal mehr Kalzium und 11 Mal mehr Phosphor als Milch“. 100 mg Milch sind grad mal ein kleines Tässchen.  Phosphor kommt ohnehin in  vielen industriell  verarbeiteten Lebensmitteln (Fleisch, Wurst, …) und sogar in Cola vor, ist also nicht unbedingt ein Mineralstoff, von dem wir hierzulande zu wenig haben, aber hey, wen interessiert das schon, es klingt super und gesund!  Viele der propagierten Wirkungen, etwa auf eine Gewichtsabnahme bei Übergewichtigen wurde nie bewiesen.

Also: Entspannt euch, wenn ihr euch keine Chia-Samen leisten könnt/wollt, soo viel verpasst ihr dann auch wieder nicht, weder was besondere Nährstoffe betrifft, noch im Geschmack, denn Chia-Samen schmecken einfach nach nichts.

Warum ich Chia trotzdem spannend finde

Sehr spannend finde ich Chia trotz allem als Bindemittel in Kuchen etc. Die Quelleigenschaften sind nämlich sehr wohl noch beeindruckender als jene von Leinsamen – darum auch die Beliebtheit für den lobgepriesenen Pudding. Geschmacklich finde ich Leinsamen besser. Wer keine Eier verwenden möchte, findet sowohl in Leinsamen als auch in Chia ein gutes Bindemittel. Überzeugt hat mich Chia  bei meinen Experimenten mit den Presskuchen der Ölmühle Fandler. Ich habe sie z.B. als Bindemittel für Fleischlaberl und Burger-Patties ausprobiert und es hat super geklappt und hier ist es auch egal, dass sie nach nichts schmecken. Eine tolle Aufwertung in Konsistenz und Nährstoffgehalt!

Ich liebe Faschiertes in allen Variationen, damit es nicht langweilig wird, experimentiere ich gerne mit verschiedenen Zutaten

Ich liebe Faschiertes in allen Variationen, damit es nicht langweilig wird, experimentiere ich gerne mit verschiedenen Zutaten

Das Öl, das aus Chia gepresst werden kann, finde ich auch interessant, aber dazu gibt es ein anderes mal mehr – hier bin ich noch in der Recherche- und Testphase.

GUTES ESSEN DARF SCHON TEUER SEIN

Ich bin die letzte, die Marketing für Lebensmittel oder höhere Preise für hochwertiges Essen verteufelt. Und vieles, was über den Wert der Chia-Samen als Nahrungsmittel geschrieben wird stimmt auch. Aber Chia-Samen sind ein gutes Beispiel für einen Hype, bei dem Konsumenten in Ihrem guten Glauben an ein Wunder-Lebensmittel bestärkt werden. Nein, man kann damit nicht seine sonst schlechte Ernährung oder mangelnde Bewegung kompensieren und sie enthalten nichts, was man nicht durch sonstige gesunde Lebensmittel auch bekommen würde. Bei vielen exotischen Zutaten und Lebensmitteln werde ich auch regelmäßig schwach. Ich lebe weder 100 % von regionalen noch 100 % bio-zertifizierten Lebensmitteln und finde exotisches einfach spannend. Aber ich überlege es mir schon drei mal, ob es wirklich nötig ist, weit gereiste Ware zu kaufen und ob es nicht ein einheimisches Pendant gäbe. Wenn dieses dann sogar nur ein Fünftel kostet: umso besser.

 weniger gehypte Alternativen sind auch super

Jeder muss also für sich selbst entscheiden, ob er die sauteuren Chia-Samen wirklich braucht. Wenn man so eine Freude an der lustigen Konsistenz durch die Quellfähigkeit der Samen hat, dass diese einem das Geld wert ist, ist das fein, go for it! Da sie aber weder viel Geschmack haben, noch essentiell für eine gesunde Ernährung sind lohnt es sich, auch die reichlich vorhandenen heimischen und günstigeren Alternativen in Erwägung zu ziehen. Was sind Eure Erfahrungen so mit Chia-Samen? Schon probiert? Schreibt mir unten in den Kommentaren Eure Meinung!

*Wer es ganz genau wissen will findet hier die Tabelle, die ich mit Hilfe von aktueller Fachliteratur
erstellt habe (zum Vergrößern klicken):

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13 Gedanken zu “Wie wird man eigentlich ein „Superfood“? Mein Problem mit schicken Lebensmitteln

  1. Birgsu schreibt:

    Hi!
    Ich bin was den Ersatz durch möglichst regionale Produkte voll auf deiner Seite ..
    hast du vielleicht „lieblings“Rezepte mit Leinsamen?
    LG Birgsu

  2. Giulia schreibt:

    Ich muss sagen, dass ich Leinsamen vom Geschmack her nicht umbedingt überall mag. Vielleicht in gewissen Kuchen (u.ä.) oder im Müsli… jedoch mag ich Chiasamen gerade weil ich sie überall einsetzen kein und mir keine Gedanken um den Geschmack machen muss. Ich glaub eine gesunde Kombination aus beiden ist der beste Mittelweg 🙂 lg Giulia

  3. Clia schreibt:

    Liebe Lisa,

    ich bin auch kein Chia- oder Superfood-Fan. Möchte aber dennoch anmerken, dass ich es als Ernährungssensible gut vertrage. Während ich von Leinsamen üble Bauchkrämpfe bekomme. Ich verzichte also auf beides. 😉

    Und das ist kein Problem. Es gibt ja wirklich eine üppige Obst- und Gemüseauswahl in Mitteleuropa. 🙂

  4. Frank schreibt:

    Volle Zustimmung!

    Und als Diabetiker fährst Du mit Leinsamen eh besser.

    Bei den Kosten für eine Portion bist Du bei Chia und den Leinsamen mit dem Komma verrutscht. Das sollten 0,36€ bei Chia und 0,07€ bzw. 7,2ct bei den Leinsamen sein.

    Ciao,
    Frank

    • Finespitz schreibt:

      Lieber Frank,
      Stimmt, da ist mir die Formel am Schluss verrutscht, schon ausgebessert. Danke für die Aufmerksamkeit und den Hinweis!

    • Finespitz schreibt:

      Liebe/r Psi,
      siehe Kommentar unten, leider ist mir da am Schluss die Formel verrutscht, das tut mir leid – ist schon korrigiert! Liebe Grüße Lisa

  5. Renate schreibt:

    Über den Einsatz von Chia Samen dachte ich auch schon mal nach. Als ich den Preis sah war es für uns uninteressant. Schon jahrelang gibt es bei uns täglich Leinsamen aufs Frühstücksbrot – so richtig dick draufgestreut. Man muss wirklich nicht jede „Mode“-Erscheinung mitmachen.
    Herzliche Grüße, Renate

    • Finespitz schreibt:

      Verstehe ich, mir schmecken sie auch besser, kaum ein Tag vergeht ohne Leinsamen bei mir 🙂 Aber ich verstehe auch, wenn jemand genau die Konsistenz des Puddings mag, die man nur mit Chia erreicht, ganz so kriegt man das mit Leinsamen nämlich nicht hin. Es gilt also wie immer: jedem das seine und auch Chia hat seine Vorzüge. Aber bei der starken Präsenz, die Chia in den Medien bekommt, kann eine neue Perspektive auf das vermeintliche „Wundermittel“ nicht schaden. Danke fürs Mitlesen und Kommentieren!

  6. Ela schreibt:

    Leinsamen esse ich auch schon immer.. 🙂 Trotzdem habe ich Chia Samen mal ausprobiert und finde die Idee der Superfoods grundsätzlich nicht verkehrt. Aber wie du schon richtig sagst, sind es teilweise echt Luxusartikel aus aller Welt, die hier brutal teuer verkauft werden. Nicht nur bei Chia gibt es ein heimisches oder günstigeres Pendant..
    Liebe Grüße,
    Ela

  7. Veronika schreibt:

    Liebe Lisa,
    erst heute habe ich biologische Chia-Samen um 4,50 entdeckt und ich muss sagen, das macht mich stutzig. Von Faire Traide oder Hand in Hand Handel war auf der Packung auch nichts mehr zu sehen.
    Ich schätze regionale Lebensmittel sehr! Aber letztlich verzichte ich auch nicht auf Bananen und Melone. Solange klar ist, dass der Blick auf den Fairen Handel gewährleistet sein muss und regionale Lebensmittel eine große Rolle in der Ernährung spielen, spricht für mich nichts gegen exotische Superfoods. Die Bereicherung für mein Leben kann ich ihnen nicht absprechen. Wirtschaftlich ist es für das Herkunftsland durchaus positiv, solange Fairer Handel betrieben wird. Und wenn ein Hype um Chia und Co. hilft, dass die Menschen motivierter sind auf ihren Körper zu achten, dann spricht für mich nichts gegen einen Hype. Nur dogmatisch darf es nicht sein und schlechter ernährt man sich ohne exotische Superfoods ganz sicher nicht, wenn der Blick auf regionale, vollwertige, gesunde Lebensmittel gegeben ist.
    Danke für deinen Denkanstoß!
    Liebe Grüße
    Veronika

    • Finespitz schreibt:

      Liebe Veronika,
      stimmt, ich seh das genau wie du. den aspekt, dass exotische lebensmittel auch ein teil wirtschaftlicher entwicklungshilfe sein können habe ich schon in meinem Artikel zu Garnelen thematisiert. Man muss nicht immer alles radikal sehen, denn auch regionale Lebensmittel sind kein Garant für Qualität, siehe z.B. Bodenhaltungseier. Viele dieser Kaufentscheidungen muss jeder für sich selbst treffen. Mir ging es eben darum, im Zuge des unverhältnismäßig starken Mediensupports, den Chia und Co bekommen mal eine andere Perspektive aufzuzeigen. Die Vorliebe für exotisches Obst kann ich auch nachvollziehen, besonders im Winter, wenns bei uns nicht so viel gibt und die eingelegten/eingefrorenen Sommervorräte langsam zuneige gehen 😉 Danke fürs Mitlesen und Kommentieren! LG Lisa

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