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Reste einpacken lassen gehört zum guten Ton

Dass viel zu viele genießbare Lebensmittel weggeworfen werden, ist spätestens seit dem Verbotsgesetz für französische Supermärkte in aller Munde. Mindestens so erschreckend ist die Situation in der Gastronomie. Wenn ich als Kind mit meinen Eltern essen war und (vor allem in ländlichen, gut bürgerlichen Gasthäusern) das Servicepersonal die sattgegessenen Gäste fragte „sollen wir die Reste einpacken?“ oder dies gar von den Gästen gefordert wurde, hieß es immer, das wären schlechte Manieren und wirke knausrig. Ich fand das also auch immer komisch, wenn sich Gäste mit nachhause nehmen, was sie nicht aufessen können. Mittlerweile habe ich meine Meinung geändert. Anders wäre es, wenn Lokale Reste verwerten könnten. Leider ist die einzige Alternative die Mülltonne. Es muss also schick werden, Reste mitzunehmen. Sonst landen weiterhin 200.000 Tonnen frischer Lebensmittel im Müll. Die Verantwortung liegt bei allen: Gästen, Lokalen, Eventveranstaltern und Caterings.

Einpacken lassen? Ja bitte!

Wenn man ein bisschen nachdenkt, das Verpönen des Einpackens ziemlich blöde. Ist es nicht viel mehr Wertschätzung gegenüber dem Koch, das Essen vor dem Wegwerfen zu bewahren? Mit dieser Meinung bin ich nicht alleine. Der Arbeitskreis Umgangsformen International a.k.a. das deutsche Knigge-Gremium hat dies ebenfalls kürzlich offiziell bei einem Kongress beschlossen (nicht, dass mir der Knigge sonst so wichtig wäre). Ich hoffe sehr, dass sich das Einpacken-lassen gesamtgesellschaftlich durchsetzt. Vergesst es einfach, wenn ihr – wie ich – in Eurer Kindheit gelernt habt, dass das  abzulehnen ist. Man nimmt niemandem etwas weg. Wer Angst hat,  knausrig zu wirken kann ja einfach mehr Trinkgeld geben!

INITIATIVE „TAFELBOX“logo_wienertafel

Genau in diese Kerbe schlägt das Projekt „TafelBox“, das die Wiener Tafel im letzten Jahr mit den Partnern KASTNER, Pacovis und „Lebensmittel sind kostbar“  startete, um die Lebensmittelverschwendung im Außer-Haus-Konsum einzudämmen. In der ersten Phase versuchen sie vor allem Catering-Unternehmen, Eventagenturen, Gastronomie und Hotellerie zu erreichen. Die biologisch abbaubaren Behählter können bei KASTNER für 50 Cent/Stk. (Mindestabnahme 300 Stk.) bestellt werden, 20 Cent davon gehen als Spende an die Wiener Tafel. Pro gespendetem Euro, kann die Wiener Tafel zehn Menschen mit frischen Lebensmitteln versorgen. Ich sehe keinen Grund, warum irgendein Gastronom die TafelBox nicht anbieten sollte. Leider ist diese Initiative noch recht unbekannt, also helft ruhig, die Idee zu verbreiten, ich bin sicher, dass sich viele Lokalbetreiber und Gäste dafür begeistern könnten!

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Mitnehmen ist besser als Wegwerfen

 

Gegen Common Nonsense

Klar kommt es vor, dass andere Gäste einen immer noch abschätzig beäugen, wenn man sich Reste einpacken lässt. Fast immer, werden die ersten, die etablierte (schlechte) Gewohnheiten ändern wollen, schief angeschaut. Das ist mir aber lieber, als wen gutes Essen weggeworfen wird. Ich bin sicher, das wird sich mit der Zeit bessern, wenn wir alle zusammenhelfen. Damit meine ich Gäste genauso wie Gastronomen, Eventveranstalter & Cateringanbieter. Jeder kann etwas beitragen, die Situation zu verbessern und alle haben was davon. Die TafelBox halte ich für die logischste und einfachste Möglichkeit. Nicht immer ist es nämlich den Gastronomen zuzumuten bzw. überhaupt möglich, sich um die Weiterverteilung an Bedürftige zu kümmern, weil der logistische Aufwand und die rechtlichen Vorschriften einfach zu groß sind. Bei bereits servierten Speisen geht das schon gar nicht.

WIE MAN SONST NOCH LEBENSMITTELABFÄLLE BEIM AUSSER-HAUS-KONSUM VERMEIDEN KANN

  • Wenn man eine Beilage nicht mag diese auch abbestellen und nicht am Teller liegen lassen.
  • In asiatischen Lokalen z.B. bekommt man zu einem Curry oft eine gut gemeinte, riesige Portion Reis. Ich weiß schon lange, dass mir die in vielen Lokalen im Verhältnis zum Hauptgericht meistens zu viel ist und bestelle ihn entweder ab, bitte um eine kleine Portion oder teile mir eine Portion mit jemandem.
  • Bei kleinerem Hunger nach kleineren Portionen fragen oder mit anderen teilen
  • Für Kinder Kinderportionen bestellen
  • Wenn es dennoch zu viel ist, Reste einpacken lassen

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Reste bleiben überall: 1) vermeiden 2) verwerten!

Ich habe einige Gastronomiebetriebe hinter den Kulissen gesehen und viel mit Caterings zusammengearbeitet. Dabei wird einem erst bewusst, wie erschütternd viel weggeworfen wird. Täglich. Das betrifft grundsätzlich alle Preisklassen, wobei in der Spitzengastronomie selten übergroße Portionen serviert werden. Hier ist es eher das Problem, dass zu viel vorbereitet oder schnell verderbliche Ware eingekauft wird, die dann, ohne jemals serviert worden zu sein, entsorgt werden muss, weil Frische natürlich oberstes Gebot ist. In Fischlokalen ist das besonders schlimm. Da kann man als Gast relativ wenig tun. Erfahrene und klug kalkulierende Gastronomen vermeiden Verschwendung von Zutaten allein aus eigenem Interesse so gut es geht.

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Noch schlimmer finde ich die Situation in günstigeren Lokalen, die mit übergroßen Portionen bei den Gästen punkten wollen. Abgesehen davon, dass oft die Qualität der Speisen und die Gesundheit der Gäste darunter leiden, wird diese Großzügigkeit leider schnell zur Verschwendung. Hier ist auch der Konsument in die Pflicht zu nehmen: tatsächlich loben nämlich manche Gäste, wenn die Portionen übermäßig groß und dabei billig sind. Wollen wir das?

Knappe Kalkulation kann schnell schiefgehen

Hier hat es die Gastronomie sicher nicht leicht, ganz gleich in welcher Kategorie: die Gäste sind sehr verschieden was die ideale Portionsgröße betrifft. Trotzdem müssen – wenn nicht anders urgiert – möglichst gleiche Teller serviert werden. Ich persönlich bin ehrlich gesagt auch unzufrieden, wenn ich in relativ viel für ein Abendessen bezahle und am Ende sogar nach mehreren Gängen noch hungrig bin. Es ist also kompliziert.

Das Catering-Dilemma

Am schlimmsten ist laut meiner Erfahrung die Situation bei Caterings. Wenn das Essen ausgeht, ist das quasi der Supergau für den Eventveranstalter und den Caterer – egal bei welchem Event und selbst dann, wenn das Essen nur Nebenschauplatz ist. Ich weiß das, weil ich selbst schon viele Events organisiert habe. Dementsprechend großzügig wird kalkuliert. Das wird sich auch nicht ändern. Hier müssen meiner Ansicht nach Veranstalter und Caterer zusammen Lösungen finden, wie das übermäßige, meist am selben Tag frisch zubereitete und schnell verderbliche Essen noch zu jenen kommt, die eine große Freude damit haben. Meistens sind es wirklich tolle Speisen, die nur zu noch nicht verköstigten Abnehmern finden müssen. Hier musste ich leider oft die Erfahrung machen, dass es gar nicht leicht ist, Abnehmer zu finden, weil viele soziale Einrichtungen Spenden von Buffets oder Caterings nicht annehmen dürfen oder können. Oder man bereitet eben die TafelBox vor und fordert die Gäste aktiv auf, keine Scheu vor dem Einpacken und Mitnehmen der Reste zu haben.

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Pack your bags, conscious customers!

Je nach Umfeld/Stil der Veranstaltung kann man sich bereits bei der Speisenplanung Gedanken machen: wenn es asiatisch sein soll vielleicht lieber Curry statt Sushi (oder nur so wenig Sushi, dass es sicher schnell weg ist).

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Bei einem Buffet kleine Portionen statt großen Schüsseln aufzustellen ist auch eine gute Möglichkeit

Es ist gar nicht schwer #bestpractice

Ich liebe die Events der Coolinary Society nicht nur, weil ich unzählige schöne Erinnerungen und Begegnungen mit spannenden Menschen damit verbinde, sondern auch, weil ich weiß, dass Nina und Dani die Reste nicht wegwerfen. Weil es bei den Foodie Events zwangsläufig tolles Essen gibt, bleibt auch so gut wie immer was übrig. Sie bringen es wann immer möglich unmittelbar nach der Veranstaltung oder sogar noch währenddessen zur Gruft oder verteilen es an die Teilnehmer.

Die in vielerlei Hinsicht großartige Coolinary Society

Die in vielerlei Hinsicht großartige Coolinary Society

Auch eines meiner Lieblingslokale, das sympathische Dellago am Yppenplatz bemüht sich sehr, das beliebte Brunchbuffet am Wochenende bis zum Schluss frisch, reichhaltig, vielfältig und abwechslungsreich zu gestalten und dennoch nichts wegzuwerfen. Das Lokal spendet die Reste des Buffets an Foodsharing.Applaus, Applaus, es sollte bei jedem Buffet so sein! Das Dellago widmet sich im Rahmen des Projekts mit Global 2000 „Schenk mir dein Problem“ mit vier anderen Wiener Lokalen der langfristigen Verbesserung der Abfallsituation in der Gastronomie. Laut Global 2000 werden pro Jahr 200.000 TONNEN Lebensmittel in Österreichs Großküchen, Gastronomie- und Beherbergungsbetrieben weggeworfen. Das ganze kommt noch zu den Massen an weggeworfenen, genießbaren Lebensmitteln in Supermärkten, die auf Grund des von Frankreich beschlossenen Wegwerfverbots derzeit sehr präsent sind.

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Ich hoffe, der Denkanstoß ist gelungen, es lohnt sich für alle Beteiligten, in punkto Reste-Einpacken umzudenken! Oder wie seht ihr das?

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